VEDA

veda-vidyā, brahma-vidyā, rāja-vidyā
„Jenen, deren Unwissenheit zerstört worden ist durch göttliches Wissen, offenbart dieses Wissen die transzendentale Absolute Wahrheit.” — Bhagavad-Gītā 5.16

Die vedischen Schriften

sarvasya cāhaṃ hṛdi sanniviṣṭo mataḥ smṛtir jñānam apohanaṃ ca
vedaiś ca sarvair aham eva vedyo vedānta kṛd veda-vid eva cāham
sarvasya cāhaṃ hṛdi sanniviṣṭo mataḥ smṛtir jñānam apohanaṃ ca
vedaiś ca sarvair aham eva vedyo vedānta kṛd veda-vid eva cāham
„Ich weile im Herzen eines jeden, und von mir kommen Erinnerung, Wissen und Vergessen. Das Ziel aller Veden ist es, Mich zu erkennen. Wahrlich, ich bin der Verfasser des Vedānta, und ich bin der Kenner der Veden.”
— Bhagavad-gītā 15.15

Folgende bedeutende vedische Schriften sollen hier in Kürze vorgestellt werden:

Lesen Sie zuvor eine allgemeine Einführung.

Einführung

Das vedische oder göttliche Wissen wurde am Beginn dieses Zeitalters vor ca. 5000 Jahren von Vedavyāsa, einer Inkarnation des Höchsten Herrn, schriftlich aufgezeichnet.1 Davor wurde es mündlich überliefert. Als erstes Lebewesen empfing Brahmā, der auch als Prajapati („Herr der Geschöpfe”) bekannt ist, das Wissen direkt von Kṛṣṇa, dem Höchsten Herrn. Brahmā gab es weiter an seine Söhne, die es ihren Söhnen und Schülern vermittelten usw. Anfangs gab es nur einen Veda, der später zur Erleichterung des Studiums vierfach unterteilt wurde in Ṛg, Yajur, Sama und Atharva. Rg Veda enthält Hymnen, Yajur ritualistisches Wissen für die Ausführung von yajñas, Sama für Gesang und Musik bearbeitete Hymnen des Ṛg, und Atharva Veda enthält neben vielen mantras des Ṛg und Yajur Beschwörungsformeln für verschiedene Zwecke (z.B. Heilung; Beseitigung von Krankheiten). In den Vedas ist alles notwendige Wissen enthalten, durch das die Menschen einzeln oder als Gesellschaft sowohl materielles Glück als auch Befreiung erlangen können.

Es gibt sechs vedāṅgas (Glieder der Vedas) – jyotiśa (Astronomie und Astrologie), candas (Metrik), nirukta (Etymologie), siksa (Aussprache), vyakarana (Grammatik) und kalpa (Ritual) – und vier upavedas (sekundäre Vedas) – dhanurveda (Kriegskunst), sthapatya (Architektur), āyurveda und gandharvaveda (Musikwissenschaft).

Nach einer anderen Einteilung ist das Wissen in den Vedas in vier Abschnitte gegliedert: Saṃhitā, brāhmaṇa, aranyaka und upaṇiṣad. Die Saṃhitā-Sektion enthält Hymnen, brāhmaṇa ritualistische Details, aranyaka philosophische Fragen und upaṇiṣad tiefe philosophische Einsichten. Chandogya und Kena Upaṇiṣ z.B. gehören zum Sama Veda, Īśa und Katha Upaṇiṣad zum Yajur Veda; Aitareya Brahmana zählt zum Ṛg Veda und Śatapatha Brahmana zum Yajur Veda.

Außer den vier Vedas wurden im Laufe der Zeit von großen Weisen noch andere Abhandlungen vedischen Wissens verfaßt, die sich mit bestimmten Themen befassen. Die Upanisaden repräsentieren die Philosophie der Vedas; das Vedānta-sūtra stellt die Essenz der Vedas und Upanisaden dar, und das Śrīmad-Bhāgavatam ist die Essenz des Vedānta-sūtra (auch Brahma-sūtra genannt) und wird als „reife Frucht am Baum der vedischen Weisheit” bezeichnet. Die beiden letztgenannten Werke wurden von Śrīla Vyāsadeva verfaßt, das Śrīmad-Bhāgavatam unter der besonderen Anleitung seines Guru Narada Muni. Vedavyāsa schrieb außerdem das große Epos Mahābhārata. Kapitel 25–42 der Sektion Bhisma-Parva im Mahābhārata hat als Bhagavad-gītā Berühmtheit erlangt hat. Die Bhagavad-gītā enthält die spirituelle Essenz aller Vedas und ist seit Jahrtausenden als Standardwerk des bhakti-yoga hochgeschätzt.

Die vedischen Geschichtsbücher, welche historische Aufzeichnungen in nicht unbedingt chronologischer Reihenfolge enthalten, werden Itihasas und Purāṇas genannt. Die bekanntesten Itihasas sind Vedavyāsas Mahābhārata und Valmikis Rāmāyana. In ihnen werden die Taten großer Herrscher, Halbgötter und anderer bedeutender und außergewöhnlicher Persönlichkeiten der Weltgeschichte erzählt, die, aus sogenannter wissenschaftlicher Sicht Produkte einer regen Phantasie zu sein scheinen. Philosophische Erörterungen, dharma, yoga und andere Themen nehmen in diesen Schriften ebenfalls einen wichtigen Raum ein.

Andere bedeutende spezifische Abhandlungen vedischen Wissens, die im Laufe der Geschichte offenbart wurden, sind z.B. Manu-Saṃhitā, das Gesetzbuch Manus, in welchem die sozialen und religiösen Pflichten der aryas (Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft) dargelegt sind; Viṣṇu-smṛti; Narada-smṛti; Yajñavalkya-smṛti; im 16. Jahrhundert die Schriften der sechs Heiligen Rupa, Jiva etc. Gosvamis, Kṛṣṇadasa Kavirajas und anderer vaiṣṇavas, deren Schriften das höchste vertraulichste Wissen offenbaren und in neuerer Zeit die Schriften Śrīla Bhaktivinoda Thakurs und A.C. Bhaktivedanta Swamis, dem wir eine (fast) vollständige Übersetzung des Śrīmad-Bhāgavatam mit ausführlichen Kommentaren verdanken. Er übersetzte außerdem das große Werk Caitanya-caritāmṛta von Kṛṣṇadasa Kaviraja ins Englische. Dies sind nur ein paar Beispiele aus dem Schatzhaus der vedischen Literatur. Was immer im Lauf der Zeit durch große Heilige und Weise offenbart wurde und noch offenbart werden wird und nicht im Widerspruch steht zu den Kernaussagen der ursprünglichen Vedas wird ebenfalls als Veda anerkannt, d.h. es gilt als authentische Quelle vedischen Wissens.

Die vedische Literatur ist so umfangreich, daß es heutigen Gelehrten, die sich ausschließlich mit dem Studium der vedischen Schriften beschäftigen, schwer fallen dürfte, sie alle im Laufe eines Lebens im Sanskrit-Original zu studieren. Um sich eine Vorstellung vom Umfang der vedischen Literatur zu machen, ein paar Beispiele: Ṛg Veda besteht ursprünglich aus über 1000 Hymnen mit hunderttausenden von Versen, Manusmṛti umfaßt ca. 2500 Verse, Mahābhārata 100000 Doppelverse, Rāmāyana 24000, Śrīmad-Bhāgavatam 18000 Verse und die Purāṇas bestehen zusammen aus über 300.000 Versen, wovon heute nicht mehr alle vorhanden sind.

Die Schriften zu studieren ist eine Sache und sie korrekt zu verstehen eine andere. Akademische Gelehrsamkeit allein nützt wenig. Im Śrīmad-Bhāgavatam unterweist der Höchste Herr Seinen Geweihten Uddhava mit folgenden Worten:

„Wenn jemand durch akribisches Studium geschickt wird im Lesen vedischer Literatur, aber keine Bemühung unternimmt, den Geist auf die Persönlichkeit Gottes zu fixieren, dann gleicht seine Bemühung der eines Mannes, der sehr hart arbeitet, um für eine Kuh zu sorgen, die keine Milch gibt. Mit anderen Worten, die Frucht seines mühsamen Studiums des vedischen Wissens ist die Mühe selbst, ohne ein anderes greifbares Resultat. Mein lieber Uddhava, jener, der für eine Kuh sorgt, die keine Milch gibt; eine untreue Frau; ein Körper, der völlig von anderen abhängig ist; nutzlose Nachkommen und Reichtum, der nicht für den richtigen Zweck verwendet wird, sind sicherlich höchst erbärmlich. In gleicher Weise ist jemand, der vedisches Wissen studiert, das bar meiner Herrlichkeit ist, höchst erbärmlich.”
— Śrīmad-Bhāgavatam 11.11.18-19

Diejenigen, die die Vedas (vedischen Schriften) bei unautorisierten, materialistischen Lehrern studieren, können ihre Schlußfolgerungen nicht begreifen und verschwenden lediglich ihre Zeit. An einer weltlichen Universität wird man kaum ein klares Verständnis der Vedas erlangen können. Die vielen Spekulationen über die Veden und Kommentare zu den Veden bilden den Beweis dafür. Es ist nicht der Sinn der Vedas, daß man sie studiert, um anschließend herumzuspekulieren, mit Geschichtszahlen zu jonglieren und Dissertationen darüber zu verfassen, wie oft bestimmte Wörter in welchen Teilen, in welchen Zusammenhängen etc. gebraucht wurden. Die Vedas wurden zum besten Nutzen aller verfaßt, doch solche Art der Ausschlachtung nutzt niemandem. Die Vedas werden allgemein als älteste Schriften anerkannt und keine Kultur, auch später nicht, hat jemals vergleichbare Literatur hervorgebracht.

Die Vedas werden als śruti („das, was man durch Hören empfängt”) bezeichnet, da sie ehemals, lange vor der Erfindung von Druck- und Kopiermaschinen, durch Hören empfangen wurden, und Schriften, die auf den Vedas basieren, werden als smṛti („das, was man erinnert”)2 bezeichnet.

Als es dann die ersten Aufzeichnungen gab, konnten sich diejenigen, die nicht intelligent genug waren, sie im Gedächtnis zu behalten, Texte abschreiben.3 Ernsthafte und entschlossene Personen müssen dafür weite, beschwerliche Reisen auf sich genommen haben, die heute sicher kein Akademiker für das Studium der Vedas auf sich nehmen würde.