VEDA

veda-vidyā, brahma-vidyā, rāja-vidyā
„Jenen, deren Unwissenheit zerstört worden ist durch göttliches Wissen, offenbart dieses Wissen die transzendentale Absolute Wahrheit.” — Bhagavad-Gītā 5.16

sattva, rajas, tamas

Von den drei Eigenschaften (triguṇa) oder Erscheinungsweisen der materiellen Natur (prakṛti) – sattva (Reinheit, Tugend, Klarheit), rajas (Leidenschaft) und tamas (Trägheit, Dunkelheit, Unwissenheit) – werden rajas und tamas im Ayurveda-Klassiker Caraka-Saṃhitā (Sūtrasthāna 1.57) als psychische doṣas (Fehler, Makel) bezeichnet. Alles in dieser Welt unterliegt dem Einfluss dieser drei guṇas. Sie sind Urelemente, aus denen alle Manifestationen der materiellen Welt hervorgehen und sie durchdringen alles. Die Lebewesen in dieser Welt denken und handeln fast alle unter gemischtem Einfluss der guṇas, wobei meistens eine Erscheinungsweise vorherrschend ist.

Menschen, die hauptsächlich von der Erscheinungsweise der Reinheit bedingt werden, fühlen sich glücklich und zufrieden und entwickeln Wissen. Andere Eigenschaften von sattva-guṇa sind Freizügigkeit, Mitleid, Entsagung, Einfachheit, Demut, Freiheit von Anhaftungen, Selbstbeherrschung, Furchtlosigkeit, Vertrauen in die offenbarten vedischen Schriften, Vergebung, Mut, Gewaltlosigkeit, Gleichmut, Sanftheit, Freundlichkeit, Reinheit.

Menschen, die hauptsächlich von der Erscheinungsweise der Leidenschaft bedingt werden, sind voller Wünsche und Verlangen und sehr aktiv, sich diese zu erfüllen bzw. sie zu befriedigen. Im Mahābhārata heißt es:

„Schönheit, Arbeit, Freude und Leid, Hitze und Kälte, Macht, Krieg, Frieden, Argumente, Unzufriedenheit, Stolz, Streit, Missgunst, kaufen und verkaufen, Grausamkeit, die Fehler anderer hervorheben; Gedanken, die sich nur auf weltliche Angelegenheiten richten; Sorgen, lästern, zögern und zweifeln, Prahlerei, Tapferkeit, Gehorsam, Klugheit, Achtlosigkeit, Diplomatie, Besitzdenken, Kummer, Gelübde, Riten, öffentliche Wohlfahrtsarbeit, Anweisungen geben, Ausführung von Opfern um materiellen Gewinnes willen, Geschenke machen in Erwartung eines Vorteils, Betrug, Achtung und Missachtung, Diebstahl, Genuss, Anhaftung, Glücksspiel, Tanzen, Musizieren usw. – all diese Eigenschaften gehören zur Erscheinungsweise der Leidenschaft....”
„....Illusion, Unwissenheit, Unentschlossenheit, zuviel Schlaf, Hochmut, Abwesenheit von Vertrauen, lasterhaftes Verhalten, Furcht, Habgier, Kritiksucht, Mangel an Unterscheidungsvermögen, Feindseligkeit allen Lebewesen gegenüber, Boshaftigkeit, törichtes Argumentieren, Sündhaftigkeit, Torheit, Abgestumpftheit, schlecht sprechen über andere, die brāhmanas und die devas tadeln, Eitelkeit, Zorn, mehr essen als notwendig, übles Verleumden – all diese Eigenschaften gehören zur Erscheinungsweise der Dunkelheit.”

Sattva, rajas und tamas binden die Lebewesen an die materielle Natur. Wer in seinem Leben die Erscheinungsweise der Tugend kultiviert, mag nach dem Tod auf himmlische Planeten gelangen, wer in rajo-guṇa seinen Körper verläßt, mag wieder als Mensch auf der Erde Geburt nehmen und wer in tamo-guṇa seinen Körper verläßt, mag als Tier oder Pflanze oder auf höllischen Planeten wiedergeboren werden.

In der Bhagavad-gītā werden die drei guṇas in bezug auf Glauben, Glück, Opfer, Spenden etc. analysiert. Die Vorherrschaft eines der drei guṇas ist unter anderem von der Gemeinschaft, die man pflegt und von der Nahrung abhängig, die ein Mensch zu sich nimmt. Getreide, Hülsenfrüchte, Milch und Milchprodukte, Nüsse, Gemüse, Obst, Zuckerrohrprodukte etc. fördern sattva-guṇa im Menschen, wenn sie in rechter Weise zubereitet und verzehrt werden. In Bhagavad-gītā 17.8-9 heißt es:

„Speisen, die von Menschen in der Erscheinungsweise der Tugend geschätzt werden, verlängern die Lebensdauer, reinigen das Dasein und schenken Kraft, Gesundheit, Glück und Zufriedenheit. Solche Speisen sind saftig, fetthaltig (Ghee, Butter und pflanzliche Öle), bekömmlich und erfreuen das Herz.
Zu scharfe, zu heiße, zu salzige, zu saure, beißende, brennende und zu trockene/rauhe Speisen fördern rajas und werden von Menschen geschätzt, die sich in dieser Erscheinungsweise befinden. Solche Nahrung verursacht Schmerz, Leid und Krankheit.”

Zur Nahrung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit zählen vergorene Speisen; Nahrung, die ohne Geschmack und abgestanden ist; Nahrung, die aus Speiseresten und unberührbaren Dingen (z.B. Knochen, Fleisch und andere Substanzen von toten Tieren) besteht. Eier, Pilze, alkoholische Getränke u.a. Berauschungsmittel, Tabak, Betäubungsmittel, etc. sind Substanzen, die tamo-guṇa im Menschen fördern und von solchen Menschen bevorzugt werden.

Ernährung und andere Handlungen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft und Unwissenheit verursachen morbide Beeinträchtigung von vata, pitta, kapha und in der Folge entstehen Krankheit, Schmerzen und Leid.

Zu glauben, jedes der drei körperlichen doṣas stehe zu einem psychischen doṣa in Beziehung – z.B. pitta zu rajas oder kapha zu tamas --, ist gewiss eine irrige Vorstellung. Nahrungsmittel und Substanzen, die kapha, vata und pitta zu sehr anregen, können tamas und rajas fördern – diese Wechselwirkung besteht, aber man kann nicht ein bestimmtes körperliches doṣa einem bestimmten psychischen doṣa absolut zuordnen.

In der vedischen Kultur handelten von den vier Gesellschaftsklassen im allgemeinen brāhmanas (Ärzte, Priester und Gelehrte) hauptsächlich unter dem Einfluss von sattva-guṇa, kṣatriyas (Könige, Krieger und Administratoren) unter dem Einfluss von rajo-guṇa, vaiśyas (Bauern und Händler) unter dem Einfluss von rajas und tamas und śudras (Arbeiter, Handwerker, Künstler) unter dem Einfluss von tamas.

Im kali-yuga, dem jetzigen Zeitalter, handelt fast jeder unter dem Einfluss von rajas und tamas. Der Einfluss von sattva-guṇa geht zurück und der Einfluss von tamas wird stärker mit dem Fortschreiten dieses Zeitalters. Alle drei guṇas sind in jedem Zeitalter gegenwärtig, aber nicht in gleichem Maße. Im satya-yuga ist sattva vorherrschend – die Menschen sind glücklich und zufrieden, selbstbeherrscht, entsagt, stark, langlebig etc. Im treta-yuga gewinnt rajas allmählich an Einfluss, im dvāpara-yuga wird es stärker und tamas kommt allmählich ins Spiel, das im kali-yuga der dominante mentale doṣa wird, mit allen Symptomen von Verrücktheit und Illusion. Krankheiten manifestieren sich zunehmend unter dem Einfluss von rajas und tamas. Das heutige medizinische Wissen und ihr Umgang mit Krankheit ist ebenfalls ein Symptom von rajas und tamas. Statt die Wurzeln von Krankheiten – das Handeln unter dem Einfluss von rajas und tamas – zu beseitigen, wird eine gewaltige Medizin-Industrie in Bewegung gesetzt, die genauso krankhaft ist, genauso von rajas und tamas beherrscht wird, wie das, was sie beseitigen will.

Wer nach Glück und Gesundheit strebt, muss den Einfluss von rajas und tamas überwinden, indem er sich von allem fernhält, was diese beiden psychischen doṣas anregt. Und wer nach Befreiung aus der Knechtschaft der materiellen Natur strebt, muss transzendentale Aktivitäten in Verbindung mit dem Höchsten ausführen (z.B. Studium der Bhagavad-gītā u.a. vedischer Schriften, japa, śravanam kīrtanam viṣṇu smaranam), die alle drei – tamas, rajas und sattva – überwinden. Die transzendentale Ebene wird śuddha sattva genannt. Es heißt im Śrīmad-Bhāgavatam (10.28.15):

„....Große Weise und Heilige, die den Einfluss der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur überwunden haben, sind fähig, die spirituelle Welt direkt zu sehen.”

Anzumerken wäre noch, dass Tageszeiten und Jahreszeiten ebenfalls dem Einfluss der guṇas unterliegen. Die frühen Morgenstunden – besonders brahma-muhurta, die Stunde vor Sonnenaufgang – sind sattva, ab Mittag verstärkt sich der Einfluss von rajas und ab dem Abend der Einfluss von tamas. Natürlich unterliegen auch die Jahreszeiten dem Einfluss von sattva, rajas und tamas, genauso wie die vier Zeitalter satya-, treta-, dvāpara- und kali-yuga. Ein Mensch, der auf der suddha sattva-Ebene verankert ist, ist diesem Einfluss nicht ausgesetzt.