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Die vier Zeitalter

Es gibt vier Zeitalter. Sie dauern insgesamt 4.320.000 Jahre und wiederholen sich zyklisch wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das erste Zeitalter krita-yuga, das goldene Zeitalter - auch satya-yuga, das Zeitalter der Wahrhaftigkeit genannt -, währt 1.728.000 Jahre, das tretā-yuga währt 1.296.000 Jahre, das dvāpara-yuga 864.000 Jahre und das kali-yuga, das jetzige Zeitalter, das Zeitalter des Streites und der Heuchelei, 432.000 Jahre. Vom kali-yuga sind erst ca. 5000 Jahre verstrichen.

Im krita-yuga ist sattva-guṇa, die Erscheinungsweise der Reinheit und Tugendhaftigkeit, vorherrschend; im tretā-yuga sattva-guṇa und rajo-guṇa; im dvāpara-yuga rajo-guṇa und im kali-yuga ist tamo-guṇa, die Erscheinungsweise der Unwissenheit, vorherrschend.

Im satya-yuga bringt die Erde erstklassige Nahrung mit hervorragendem Geschmack im Überfluß hervor. Die Menschen strotzen vor Energie wie die ādityas (Halbgötter). Sie können die devas und himmlischen rishhis direkt wahrnehmen. Ihre Körper sind schön, stark wie der Wind und fest wie Berge, ihre Intelligenz und ihre Sinne sind scharf und ihre Ausstrahlung ist klar. Sie sind von Freude erfüllt, gewaltlos, selbstbeherrscht, einfach, wahrhaftig, entsagt, und sie sind frei von Angst, Gier, Illusion, Lust, Zorn, Neid, Anhaftung, Müdigkeit, Krankheit und der Neigung, Dinge anzusammeln. Sie widmen sich der Meditation im ashhtānga-yoga, führen Opfer aus nach den Anweisungen der Veden etc. Aufgrund dieser Eigenschaften besitzen sie eine sehr lange Lebensdauer. Gegen Ende des krita-yuga lassen manche Menschen etwas nach in ihrer Entsagung (ihrer yoga-Praxis)[5] und so entsteht Schwere in ihren Körpern. Schwere führt zu Müdigkeit und Müdigkeit läßt sie träge werden. Trägheit bringt sie dazu, Dinge anzusammeln; die Ansammlung von Dingen führt zu Anhaftung -- je mehr jemand besitzt, desto mehr angehaftet ist er an seinen Besitz -- und Anhaftung schließlich bringt Gier hervor. Wir sehen hier, wie die Erscheinungsweise der Reinheit (sattva-guṇa) in einem Menschen allmählich der Erscheinungsweise der Leidenschaft (rajo-guṇa) weicht, wenn ein in sattva-guṇa verankerter Mensch nachlässig wird in seiner Entsagung. Sharīrasthāna, Kap.3 wird sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigen.

Im tretā-yuga gewinnt rajo-guṇa weiter an Einfluß. Aus Gier entwickeln sich allmählich Bosheit, Lüge, Zorn, Leidenschaft, Betrug, Roheit, Gewalt, Furcht, Sorge, Kummer, etc. Dharma wird symbolisch als Ochse dargestellt. Seine vier Beine repräsentieren Barmherzigkeit, Sauberkeit, Enthaltsamkeit und Wahrhaftigkeit. Im tretā-yuga steht dharma nur noch auf drei Beinen, d.h. dharma wird um ein Viertel reduziert. Als Folge davon verkürzt sich die Lebensspanne der Menschen. Durch Verminderung der Qualität von Pflanzen und Nahrungsmitteln (in Reinheit, rasa, vīrya, prabhāva etc.) und durch das Verhalten der Menschen kommt es zu einer Beeinträchtigung von maruta (vāta) und agni (pitta) und so können sich die ersten Krankheiten wie jvara etc. manifestieren.

Im dvāpara vermindert sich dharma wieder um ein Viertel -- der Ochse der Religion steht nur noch auf zwei Beinen --, Nahrung verliert weiter an Geschmack, Kraft, Bekömmlichkeit und anderen Eigenschaften, die Widerstandskraft der Menschen wird schwächer und die Manifestation von Krankheiten nimmt zu. Am Ende des dvāpara-yuga gewinnt tamo-guṇa an Einfluß und wird im Verlauf des folgenden Zeitalters zum beherrschenden Faktor.

Dann steht dharma nur noch auf einem Bein -- von Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Sauberkeit und Wahrhaftigkeit ist nicht mehr viel übrig. Im kali-yuga besitzen die Menschen nur wenig Intelligenz, ein schlechtes Gedächtnis, keine Barmherzigkeit, sind immer gestört etc. Das Zeitalter des Kali hat erst vor 5000 Jahren begonnen, d.h. es wird noch 427.000 Jahre dauern bis ein neues krita-yuga erblüht. Bis dahin wird die Welt von Kali[1], dem Herrn dieses Zeitalters, regiert. Kalis Aufenthaltsorte sind hauptsächlich Spielhöllen, Bordelle, Kneipen, Schlachthäuser, Börsen etc., Orte wo Geld und Gold, Prostitution, Berauschung etc. vorherrschen.

In diesem Zusammenhang erzählt Shukadeva Gosvāmī im Śrīmad-Bhāgavatam folgende Geschichte: Am Ende des dvāpara, als Mahārāja Yudhishhtira die Welt regierte, begab es sich, daß er auf einer Reise einen schwarzen Mann eine Kuh schlagen sah. Dieser Mann war Kali. Erzürnt über diese ungeheure Tat Kalis, zog Yudhishhtira sein Schwert und wollte dem Frevler augenblicklich den Kopf abschlagen. Kali wimmerte und flehte um Vergebung. Yudhishhtira bekam Mitleid mit ihm, schonte sein Leben und befahl ihm, sein Reich augenblicklich zu verlassen. Doch Kali erwiderte: "Wohin soll ich gehen? Da du regierst, herrscht überall Rechtschaffenheit und es gibt keinen Ort für meinen Aufenthalt." Yudhishhtira antwortete: "Überall dort, wo Geld und Gold gehortet werden, wo Menschen dem Glücksspiel, der Berauschung, der unzulässigen Sexualität und dem Fleischgenuß frönen, ist dein Ort."

Damals gab es nicht viele Orte für Kali, doch nach Yudhishhtiras Tod nahm Irreligiosität immer mehr überhand und Kali ist heute an fast jedem Ort zuhause.

Es gibt in diesem Zusammenhang noch eine andere Geschichte, die den Beginn des Niedergangs der vedischen Kultur am Ende des dvāpara erklärt. Sie ist ebenfalls im Śrīmad-Bhāgavatam und im Mahābhārata enthalten. Parikshhit Mahārāja, der Nachfolger Yudhishhtiras, war einst während einer Jagd müde und durstig am āśrama des Weisen Shamika vorbeigekommen. Der Weise saß in Meditation versunken vor seiner Hütte und rührte sich nicht, um seinen königlichen Gast gebührend zu empfangen oder ihm wenigstens etwas Wasser anzubieten, wie es in der vedischen Kultur Sitte ist. Verärgert über das Verhalten des rishhis, hängte der König ihm mit dem Ende seines Bogens eine tote Schlange um den Hals und verließ den Ort. Wenig später kam Śhringi, der Sohn des Weisen, nach Hause und sah seinen Vater mit der Schlange um den Hals auf seinem Hirschfell sitzen. Śhringi war noch ein Knabe, aber er besaß schon mystische Kräfte, die man durch Bußen und Entsagungen erlangt. Dadurch war es ihm möglich zu erkennen, wer seinem Vater diese Beleidigung zugefügt hatte. Und weil er noch sehr unreif war, wurde er zornig und verfluchte den König für diese Tat, innerhalb von sieben Tagen von dem Schlangenkönig Takshhaka gebissen zu werden. Als Shamika seine Meditation beendet hatte und erfuhr, was Śhringi getan hatte, war er sehr betrübt über die fatale Handlungsweise seines Sohnes. Parikshhit war ein guter König, der die Welt im Einklang mit dharma, den göttlichen Gesetzen, regierte, und einen solchen Herrscher wegen eines geringfügigen Vergehens mit dem Tod zu bestrafen, war ein unwürdiger Akt für ein Mitglied der Klasse der brāhmanas. Dann unterwies der Weise seinen Sohn über den wahren Reichtum der brāhmanas, nämlich Vergebung. Śhringis Tat war der Beginn der Degradation der brāhmanas. Die brāhmanas sind der Kopf der Gesellschaft, und wenn der Kopf beeinträchtigt ist, funktioniert der ganze Körper nicht mehr richtig.

Wir beschließen diese kurze Beschreibung der vier Zeitalter mit ein paar Zitaten aus Mahābhārata und Śrīmad-Bhāgavatam.

"Nach dem Verschwinden königlicher Pflichten und der Wissenschaft der gerechten Bestrafung (danda) wird eine Vermischung der Gesellschaftsklassen einsetzen und unzählige Pseudomönche mit verschiedenen Zeichen bemalt werden erscheinen. Die Purānas und die erhabenen Wahrheiten der Religion mißachtend werden die Menschen, getrieben von Lust und Zorn, auf falschen Pfaden wandeln."

"Im kali-yuga jedoch gibt es keine feststehende Grenze der Lebenslänge, denn manche Menschen sterben schon im Mutterleib und andere kurz nach der Geburt. Die Menschen des Kali-Zeitalters besitzen keine Stärke, sind äußerst zornig, habgierig und unwahrhaftig. Eifersucht, Stolz, Zorn, Betrug, Boshaftigkeit und Habgier beherrschen die Menschen im kali- yuga."[2]

"Der Mann von geringer Intelligenz, der das Gewicht der Autorität (der Vedas und der Lehrer der Vedas) zerstört, indem er das verneint, was schon immer als Standard angenommen wurde, wird die Ursache großen Kummers in der Welt."

"Der König macht das Zeitalter. Wenn der König in strikter Übereinstimmung mit der Wissenschaft gerechter Bestrafung regiert, setzt das beste aller Zeitalter, das satya-yuga[3] ein. Mit dem satya-yuga setzt Rechtschaffenheit ein; Sünde gibt es nicht. Die Herzen aller Menschen finden keine Freude an Sündhaftigkeit. Ohne Zweifel erlangen alle Menschen das, was sie erstreben und behalten das, was sie besitzen. Alle vedischen Riten erzeugen Verdienste. Alle Jahreszeiten sind angenehm und frei von Übel. Die Stimmen und die Aussprache der Menschen sind klar, und ihr Geist ist freudvoll. Krankheiten gibt es nicht, und alle Menschen leben lang. Ehefrauen werden keine Witwen, und niemand wird ein Geizhals. Im satya-yuga bringt die Erde Kräuter, Gemüse und Getreide in reichem Maße hervor, ohne daß sie gepflügt werden muß. Rinden, Blätter, Früchte und Wurzeln sind nährreich und kraftspendend. Wisse, daß dies die Merkmale des satya-yuga sind, o Yudhishhtira."[4]

Im 12. Canto des Śrīmad-Bhāgavatam gibt es eine Beschreibung der Symptome des Kali-Zeitalters, die sich zum Teil schon manifestiert haben oder sich mit dem Fortschreiten dieses Zeitalters noch manifestieren werden. Es heißt dort:

Śukaveda Goswami sagte: "Dann, o König, werden Religion, Wahrhaftigkeit, Sauberkeit, Duldsamkeit, Lebensdauer, physische Stärke und Gedächtniskraft Tag für Tag schwinden durch den mächtigen Einfluß des Kali-Zeitalters." (S-B 12.2.1)

"Im Kali-yuga wird Reichtum allein als das Zeichen von guter Geburt, rechtem Verhalten und guten Eigenschaften eines Mannes angesehen werden und Gesetz und Rechtsprechung werden nur auf der Basis von jemandes Macht angewandt werden." (S-B 12.2.2)

"Männer und Frauen werden nur aufgrund oberflächlicher Anziehung zusammenleben und geschäftlicher Erfolg wird von Betrug abhängen......" (S-B 12.2.3)

".....Und jemand, der sehr geschickt darin ist, mit Worten zu spielen, wird als Gelehrter betrachtet werden." (S-B 12.2.4)

"Eine Person wird als unfromm angesehen werden, wenn sie kein Geld besitzt und Heuchelei wird als Tugend betrachtet werden....." (S-B 12.2.5)

"....Den Magen zu füllen wird das Ziel des Lebens sein und Dreistigkeit wird als Wahrhaftigkeit angesehen werden. Wer eine Familie erhalten kann, wird als erfahrener Mann gelten und religiöse Prinzipien werden nur zum Zwecke des Ansehens befolgt werden." (S-B 12.2.6)

"Mit der Zunahme korrupter Bevölkerung werden diejenigen Menschen der sozialen Klassen, die am stärksten sind, politische Macht erlangen." (S-B 12.2.7)

"Die Bürger werden schwer leiden unter Kälte, Hitze, Regen, Wind und Schnee. Sie werden weiter geplagt werden von Streitigkeiten, Hunger, Durst, Krankheiten und ernsthaften Sorgen." (S-B 12.2.10)

"Städte werden von Dieben bevölkert sein; die Vedas werden verunreinigt sein durch spekulative Interpretationen von Atheisten; politische Führer werden die Bürger praktisch verzehren (ausbeuten durch Steuern etc.) und sogenannte Priester und Intellektuelle werden hingegebene Verehrer ihrer eigenen Mägen und Geschlechtsteile sein." (S-B 12.3.32)

"O König, im Kali-Zeitalter wird die Intelligenz der Menschen von Atheismus zerstreut sein und sie werden fast nie Opferungen zur Höchsten Persönlichkeit Gottes, der der höchste spirituelle Meister des Univesums ist, ausführen. Obwohl die großen Persönlichkeiten, die die drei Welten beherrschen (Brahmā, Śiva, Indra etc.), sich alle vor den Lotosfüßen des Höchsten Herrn verneigen - die unbedeutenden und erbärmlichen Menschen dieses Zeitalters werden es nicht tun.

Ein Mensch liegt im Sterben, überwältigt von Todesfurcht. Obwohl seine Stimme gebrochen ist und er sich kaum bewußt ist über das, was er sagt, kann er von den Reaktionen auf seine fruchtbringenden Handlungen befreit werden (fruchtbringende Handlung - ob sündhaft oder fromm - bedeutet wiedergeboren zu werden) und die höchste Bestimmung erreichen, wenn er den Heiligen Namen des Herrn spricht. Aber dennoch werden die Menschen im Kali-yuga den Höchsten Herrn nicht verehren." (S.-B. 12.3.43-44)

Anmerkungen

1 nicht zu verwechseln mit der Göttin Kālī

2 Sanjaya unterweist den alten blinden König Dhritarāshhtra, dessen gottloser Sohn Duryodhana auf betrügerische Weise Yudhishhtira seiner Herrschaft beraubt hatte und in der großen Schlacht von Kurukshhetra gegen Yudhishhtira Mahārāja und seine Brüder kämpfte.

3 satya bedeutet Wahrhaftigkeit

4 Bhīshhma Mahārāja unterweist seinen Enkel Mahārāja Yudhishhtira

5 Entsagung bedeutet auch, nicht mehr zu nehmen als man braucht zum Leben und mit dem zufrieden zu sein, was einem durch die Vorsehung zuteil wird.


(Obiger Text - außer den letzten drei Versen - ist ein Auszug aus "AYURVEDA-LEHRBUCH - Kompendium des Ayurveda-Klassikers Caraka-Saṁhitā", Vimanasthanam Kap.7)