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Materie und Bewußtsein

Leben (ayus) bedeutet die Verbindung von Körper, Geist und Seele. Der große Lehrer und Kenner des Ayurveda, Punarvasu Atreya, definiert in der Caraka-saṁhitā Leben mittels folgender Synonyme: cetananuvritti (Fortbestand des Bewußtseins), jivita (Beseelung), anubandha (beständiger Fluß) und dhari (Erhaltung des Körpers). Ayurveda ist die Wissenschaft, durch die ayus, das Leben, verstanden wird.

sattvam-ātmā sariram ca trayam-etat-tridandavat | lokas-tisthati samyogat-tatra sarva pratisthitam || sa pumams-cetanam tacca taccadhikaranam smṛtam | vedasyasya tad artham hi vedo 'yam samprakasitah
"Sattvam (Psyche - der feinstoffliche Körper bestehend aus Geist, Intelligenz und Ego), ātmā (Selbst) und sarira (der grobstoffliche Körper) sind eine Dreiheit, auf welcher das Wissen vom Leben basiert. Diese lebendige Dreiheit ist bewußtes Individuum (puruṣa), und sie ist der Ort dieses Veda. Für sie allein ist Ayurveda ans Licht gebracht worden." [Caraka-Saṁhitā, Sūtrasthana 1.46-47]

Ein Körper kann nicht ohne Bewußtsein existieren, was aber ist Bewußtsein und woher kommt es? Materialistische Wissenschaftler, die nach dem Ursprung des Bewußtseins forschen, stellen sich die Frage: "wie entsteht aus Materie Bewußtsein, wie entwickelt sich Bewußtsein im Lebewesen?" Zu dieser Frage werden sie nur nutzlose Spekulationen liefern können und wenn sie zehn Nobelpreise dafür bekommen. In vedischen Schriften, speziell in der Sankhya-Philosophie, wird die Frage andersherum gestellt und auch beantwortet: "wie entsteht aus Bewußtsein Materie?".

Bewußtsein im Lebewesen ist spirituelle Energie, ein Symptom der spirituellen Seele. Es gibt in dieser Welt zwei Hauptenergien: prakṛti (materielle Energie) und brahman (spirituelle Energie). Materielle Energie, Materie ist ohne Bewußtsein und spirituelle Energie besitzt Bewußtsein. Leben bedeutet eine Kombination dieser beiden Energien und wird durch die Anwesenheit des Höchsten Bewußtseins in Form von paramātmā (Überseele) im Lebewesen aktiviert. Deshalb heißt es in Caraka-Saṁhitā, Sūtrasthana 1.48: "sendriyam cetanam dravyam nirindriyam acetanam - dravya mit Sinnesorganen (lebendiger Körper) ist bewußt und dravya ohne Sinnesorgane (tote Materie) ist unbewußt".

Jivātmā (die spirituelle Seele) ist ein winziges Teilchen von brahman, wie ein Lichtpartikel ein winziges Teilchen der Sonne oder ein kleiner Funke in einem unendlichen Feuer ein winziges Teilchen dieses Feuers ist. Die Quelle von brahman ist parabrahman, die Höchste Persönlichkeit Gottes; brahman ist die gleißende Ausstrahlung seines transzendentalen Körpers. Der Höchste Herr und jivātmā sind eins, in dem Sinne, daß beide von spiritueller Natur sind, genauso wie Funken eines Feuers oder Strahlen der Sonne eins sind in bezug auf Licht und Wärme.

Die Persönlichkeit Gottes ist das Reservoir unbegrenzter Energien. Sie besitzt unbegrenzte Macht, ist völlig unabhängig, allwissend, alldurchdringend, unfehlbar, absolut. Die spirituellen Seelen sind ihrer Natur nach seine Diener. Sie besitzen eine winzige Unabhängigkeit, die darin besteht, daß sie Ihm dienen oder sich von Ihm abwenden können. Diejenigen der unzähligen jīvas, die sich von Ihm abwenden, gelangen in die materielle Welt und nehmen dort entsprechend ihrer Verlangen und Taten einen Körper nach dem anderen an. Wenn sie sich ihrer wahren Natur bewußt werden und sich im Dienste des Herrn beschäftigen, werden sie befreit und gelangen in die spirituelle Welt, wo es weder Geburt noch Tod, noch Krankheit, noch Alter, noch die geringste Spur von Leid und Unwissenheit gibt.

Die vedischen Schriften erklären wie aus Bewußtsein, d.h. aus dem Bewußtsein des Höchsten Herrn, Materie entsteht. Der Höchste Herr in der Form Mahā-Viṣṇus erschafft zuerst aus Seiner māyā-śakti ("Schattenenergie") pradhana oder mahat-tattva, die unmanifestierte Gesamtheit aller materiellen Elemente. Daraus manifestieren sich - angeregt durch den Zeitfaktor - die drei guṇas (sattva, rajas, tamas - Erscheinungsweisen der materiellen Natur) und die 24 Elemente des Körpers: ahankara (falsches Ego), manas (Geist), buddhi (Intelligenz), avyakta (der unmanifestierte Zustand von prakṛti, der materiellen Natur), die 5 tanmatras (Sinnesobjekte), die 5 wissenserwerbenden Sinne, die 5 Arbeitssinne und die 5 mahābhūtas (großen Elemente - Erde, Feuer, Wasser, Luft und Raum). Ahankara hat drei Aspekte: vaikarika (Reinheit, Tugendhaftigkeit), taijasa (Leidenschaft) und tamasa (Unwissenheit, Trägheit).

In dem Moment, wo ātmān (spirituelle Seele; bewußter spiritueller Funke) durch sein karma und seine materiellen Wünsche unterer höherer Kontrolle in eine materielle Verbindung - z.B. von Samen und Eizelle - eingeht, entwickelt sich ein Lebewesen. Das Bewußtsein des Lebewesens wird durch seinen materiellen Körper gefiltert. Nach vedischer Philosophie gibt es 8.400.000 Lebensformen, das bedeutet, daß es genauso viele Filter des Bewußtseins der spirituellen Seelen gibt. Innerhalb der menschlichen Lebensform ist das Bewußtsein auch wieder vielfach gefiltert, z.B. hat ein Säugling ein anderes Bewußtsein als ein Kind und ein Erwachsener ein anderes als ein Kind. Außerdem wird das Bewußtsein eines Menschen durch sattva, rajas und tamas oder einer Kombination dieser guṇas bedingt.

Die Schriften unterscheiden 5 Stadien des Bewußtseins: 1. acchadita-cetana (bedecktes Bewußtsein), 2. sankucita-cetana (beschränktes Bewußtsein), 3. mukulita-cetana (knospendes Bewußtsein), 4. vikacita-cetana (erblühendes Bewußtsein), 5. purna-vikacita-cetana (voll erblühtes Bewußtsein).

  1. Die spirituellen Seelen, die in Bäumen, Kräutern, Gräsern etc. und in Steinen residieren, befinden sich im Stadium bedeckten Bewußtseins. Sie sind fast unbewußt.
  2. Tiere, Vögel, Schlangen, Fische, Würmer, Insekten, etc. sind Lebewesen mit beschränktem Bewußtsein. Ihr Bewußtsein ist etwas geöffnet und ihre Aktivitäten sind hauptsächlich auf Essen, Schlafen, Verteidigung, Sex, Spiel u.a. Tätigkeiten, die sich nur auf den Körper beziehen, fixiert. Sie sind sich nicht bewußt über die Existenz einer Welt jenseits der Materie. Manche Tiere haben Wissen über die verschiedenen Eigenschaften verschiedener Objekte. Sie mögen auch Zeichen von Dankbarkeit und anderen Gefühlen zeigen, suchen jedoch nicht nach Gott, streben nicht nach Erkenntnis der Absoluten Wahrheit. Deshalb wird ihr Bewußtsein beschränkt genannt.
  3. Bedingte Seelen in menschlichen Körpern zeigen drei Stadien von Bewußtsein: knospendes, erblühendes und voll erblühtes Bewußtsein. In dieser Hinsicht unterscheiden die Schriften fünf Arten von Menschen: (1) unmoralische Leute, (2) Atheisten, die moralischen Prinzipien folgen, (3) Leute, die an Gott glauben und moralischen Prinzipien folgen, (4) Personen, die sich im praktischen hingebungsvollen Dienst zu Gott (sadhana-bhakti) beschäftigen und (5) Personen, die sich im liebenden hingebungsvollen Dienst (bhava-bhakti) beschäftigen. Unmoralische Leute und Atheisten, die moralischen Prinzipien folgen, sind im Stadium knospenden Bewußtseins situiert.
  4. Menschen, die an Gott glauben und moralischen Prinzipien folgen und Menschen, die sich im praktischen hingebungsvollen Dienst zu Gott beschäftigen, befinden sich im Stadium erblühenden Bewußtseins.
  5. Menschen, die sich im liebenden hingebungsvollen Dienst zu Gott beschäftigen, sind im voll erblühten Bewußtsein situiert.

Materie oder der materielle Körper bestehend aus 24 Elementen ist eine Bedeckung der spirituellen Seele, genauso wie verschiedene Kleider verschiedene Bedeckungen des Körpers sind. Wenn ich heute ein blaues Hemd trage und morgen ein grünes, bedeutet dies nicht, daß ich ein anderes Bewußtsein angenommen habe. Genauso bleibt das ursprüngliche Bewußtsein des Lebewesens unverändert, ganz gleich in welchem Körper ātmān gerade haust.

Aus spiritueller Sicht gleicht das materielle Dasein einem Traum. Ich mag mich im Traum als ein König oder Bettler oder irgendetwas anderes sehen, das ich im Tag-Bewußtsein nicht bin. Genauso identifiziert sich die spirituelle Seele mit ihrer jeweiligen Bedeckung, dem materiellen Körper, und denkt "ich bin ein Mann, eine Frau; ein Mensch, ein Pferd, ein Hund, eine Katze; ich bin Deutscher, Amerikaner; Hindu, Moslem; ich bin schön, häßlich, weise, dumm" etc., obwohl sie im Grunde nichts mit diesen Designationen zu tun hat. Solange die spirituelle Seele materielle Wünsche hegt, ist sie in einem Traum gefangen und erlebt immer wieder Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Der Traum des materiellen Daseins endet, wenn das Lebewesen zu seiner ursprünglichem Natur, zu seinem ursprünglichen Bewußtsein, erwacht und das ist nur in der menschlichen Lebensform möglich. Ein intelligenter Mensch sollte diese Möglichkeit nutzen. Wenn er es nicht tut und sich durch seine Handlungen degradiert, kann es sein, daß jivātmān in 8.400.000 Lebensformen wiedergeboren werden muß, bevor er wieder in einer menschlichen Lebensform die Möglichkeit erhält, sich dem Höchsten Herrn zuzuwenden und dem Kreislauf von Geburt und Tod (saṁsāra) zu entrinnen.

Materielles Bewußtsein, in welchem sich die spirituelle Seele mit ihrem jeweiligen Körper identifiziert und die Wünsche auf Sinnenbefriedigung gerichtet sind, ist eine Verrückung vom ursprünglichen spirituellen Bewußtsein. Im spirituellen Bewußtsein sind die Wünsche des Lebewesens auf das Erfreuen des Höchsten Herrn, Narayana oder Kṛṣṇa, gerichtet und es erfährt ständig wachsende Glückseligkeit im liebevollen Dienst zu Kṛṣṇa. Freude oder Glückseligkeit wird im materiellen Bewußtsein nur bedingt erfahren als zeitweilige Abwesenheit von Leid in verschiedenen materiellen Umständen. Deshalb sind die meisten Leute der Ansicht, daß es keine ständig wachsende Freude geben kann und daß Freude nur in Beziehung zu Leid erfahren werden kann. Für Freude im materiellen Bewußtsein ist diese Ansicht korrekt, nicht aber für Freude im spirituellen Bewußtsein. Aus materieller Sicht ist ständig wachsende Glückseligkeit nicht vorstellbar.

Ständig wachsende Glückseligkeit, die unabhängig ist von Lebensumständen und materiellen Bedingungen, kann man auch schon in diesem Leben erfahren, wenn das Bewußtsein unverrückbar auf den Höchsten Herrn fixiert ist. In vielen vedischen Schriften werden Heilige, ihr Leben und ihre Eigenschaften, Verhalten usw. beschrieben, die auf die spirituelle Bewußtseinsebene gelangt sind und man kann auch heute - wenn man vom Glück begünstigt ist - Menschen treffen, die auf der spirituellen Bewußtseinsebene (brahma-bhuta) verankert sind. Groben Materialisten erscheint deren Verhalten verrückt, während aus spiritueller Sicht das Verhalten der Materialisten verrückt ist.

Zum Schluß dieses Themas noch ein Wort zum Nutzen der Technik für Entwicklung von spirituellem Bewußtsein: Technische Errungenschaften basieren auf Erfindungen von Materialisten, da Transzendentalisten, die nach den Anleitungen der vedischen Schriften über den Höchsten Herrn meditieren, keine materiellen Wünsche für Verbesserung ihrer Lebensumstände haben und mit einem Minimum an sog. Lebensstandard zufrieden sind. Aber - und das ist ein wichtiger Punkt - technische Geräte können für spirituellen Fortschritt im liebevollen Dienst zum Höchsten Herrn verwendet werden.

Es geht im spirituellen Bewußtsein nicht darum, zwischen materiellen Dingen und spirituellen Dingen zu unterscheiden, sondern darum alles in den Dienst des Höchsten zu stellen. Die ganze materielle Welt ist eine Manifestation der materiellen Energie des Höchsten Herrn und da die Energie nicht verschieden ist von ihrem Ursprung, ist die materielle Welt nicht verschieden vom Höchsten. Acintya bhedabheda tattva - der Höchste Herr ist eins mit allem und dennoch verschieden von allem. Ob ein Ding materiell oder spirituell ist, hängt von der Anwendung des Dinges ab. Wenn ich z.B. einen MP3-Player benutze, um mir während einer Zugfahrt Schlager und Pop-Musik, etc. anzuhören, ist der MP3-Player und seine Benutzung materiell und wenn ich mit dem gleichen MP3-Player spirituelle Klangschwingungen (kṛṣṇa-kirtan, Vertonungen von Bhagavad-gītā, Śrīmad-Bhāgavatam etc.) höre, ist dieses Gerät und seine Nutzung spirituell.

Eine wunderbare technische Errungenschaft ist z.B. der MP3-Player - wenn das Gerät spirituell genutzt wird -, da dadurch jeder an jedem Ort und zu jeder Zeit kṛṣṇa-kirtan, Vertonungen von Bhagavad-gītā, Śrīmad-Bhāgavatam etc. ständig hören kann, wodurch das ursprüngliche spirituelle Bewußtsein wiedererweckt wird. Natürlich - und das ist klar - mußten vor der Erfindung des MP3-Player noch viele andere technische Erfindungen gemacht werden, um überhaupt die spirituellen Klangschwingungen auf den MP3-Player zu bringen. Nutzen Sie diese Technik für Ihren spirituellen Fortschritt! Laden Sie z.B. die Audio-Dateien auf der Download-Seite auf Ihren MP3-Player und hören Sie das so oft wie möglich!