VEDA

veda-vidyā, brahma-vidyā, rāja-vidyā
„Jenen, deren Unwissenheit zerstört worden ist durch göttliches Wissen, offenbart dieses Wissen die transzendentale Absolute Wahrheit.” — Bhagavad-Gītā 5.16

Das vedische Gesellschaftssystem

Wir wollen nun grob beschreiben, wie die Gesellschaft nach den Veden organisiert sein sollte und wie sie bis vor ein paar tausend Jahren im Land zwischen Himalaya und Vindhya-Bergen organisiert war und in diesem Kontext auf drei bedeutende Elemente der vedischen Kultur, nämlich brāhmaṇa, Guru und rājaṛṣi (stellvertretend für alle ṛṣis), etwas näher eingehen, da von diesen Instanzen in der Caraka-Saṃhitā öfters die Rede ist.

Daß das Varnāśrama genannte Gesellschaftssystem keine menschliche Erfindung, sondern eine Schöpfung des Höchsten Herrn ist, wird in der Bhagavad-gītā mit folgenden Worten bestätigt:

cātur-varṇyam mayā sṛṣṭaṃ guṇa-karma-vibhāgaśaḥ
tasya kartāram api māṃ viddhy akartāram avyayam
„Die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft entsprechend guṇa und karma wurden von Mir geschaffen. Und obwohl Ich der Schöpfer dieses Systems bin, solltest du wissen, daß Ich der unwandelbare Nichthandelnde bin.”
(— Bhagavad-gītā 4.13)

In dieser Aussage Kṛṣṇas ist ein wichtiges Wort gefallen, das uns in diesem Buch noch oft begegnen wird und das von großer Bedeutung ist für das Verständnis von Āyurveda, nämlich guṇa. Es bedeutet 1. Strick, Seil, Saite (eines Instruments, eines Bogens) und 2. Eigenschaft, Attribut. Philosophisch (Sānkhya) bezeichnet guṇa drei Essenzen der materiellen Natur – sattva (Reinheit, Tugendhaftigkeit), rajas (Leidenschaft, Verlangen) und tamas (Ignoranz, Dunkelheit) – und wird deshalb auch triguṇa genannt. Diese drei Eigenschaften durchdringen alles und ihre Symptome sind überall wahrnehmbar. In der Tat gehen alle Manifestationen der materiellen Welt aus ihnen hervor und sie beherrschen alles und jeden. Außer den befreiten Seelen sind alle Lebewesen von diesen drei Seilen gebunden. Manchmal ist in einem Menschen rajas vorherrschend, ein andermal tamas usw. Man kann dies leicht an sich selbst beobachten. Die Bhagavad-gītā beschäftigt sich im 14. und im 17. Kapitel eingehend mit diesem Thema.

Durch die Einrichtung des Varnāśrama-Systems wird allen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich allmählich den Klauen der niederen Erscheinungsweisen der Natur zu entwinden und die Ebene von sattva-guṇa zu erreichen. In der Manu-Saṃhitā, dem Gesetzbuch Manus, des Vaters der Menschheit, im Mahābhārata und anderen vedischen Schriften werden die Pflichten und Tätigkeiten der brāhmaṇas etc., welche notwendig sind für Erhebung aus dem materiellen Sumpf, für spirituellen Fortschritt, ausführlich beschrieben.

Varnāśrama-dharma besteht aus vier sozialen Klassen (cātur-varṇya) und vier Lebensstadien (cātur-aśrama); dharma bedeutet Gesetz, religiöse Pflichten, die sich auf varṇa und āśrama beziehen. Die vier varṇas sind brāhmaṇa, kṣatriya, vaiśya und śudra und die vier āśramas sind brahmacari, gṛhasta, vānaprastha und sannyāsa. Brāhmaṇas studieren und lehren das vedische Wissen, kṣatriyas („jemand, der beschützt und aus Gefahr errettet” – hergeleitet von kṣad und trāyate) beschützen und verteidigen die Gesellschaft, vaiśyas betreiben Ackerbau und Viehzucht und versorgen die Menschen mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern, und śūdras tragen die Gesellschaft durch ihre Dienste als Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Künstler etc. brāhmaṇas werden als der Kopf des Körpers einer zivilisierten Gesellschaft betrachtet, kṣatriyas als die Arme, vaiśyas als der Bauch und śūdras als die Beine.

Die vier varṇas (soziale Klassen)

Ein brāhmaṇa durchläuft während seines Lebens im allgemeinen vier Stadien. Das erste Stadium wird brahmacarya (Schülerstand) genannt, das zweite grhastha (Haushälterstand), das dritte vānaprastha (Leben in Zurückgezogenheit) und das vierte sannyāsa (völlige Loslösung von weltlicher Bindung). Das dritte Stadium beginnt, wenn die Kinder erwachsen sind und die ersten Enkel heranwachsen. Der Mann lebt dann zusammen mit seiner Frau oder allein im Wald oder am Rand eines Dorfes, übt sich in tapasya und bemüht sich, allmählich völlig losgelöst zu werden von weltlicher Anhaftung. Kshatriyas durchlaufen die ersten drei āśramas, vaiśyas im allgemeinen nur die ersten beiden. In jedem der vier varnas und āśramas gibt es bestimmte von den śāstras vorgeschriebene Pflichten zu erfüllen.

Zu welchem varna jemand gehört, richtet sich nicht unbedingt nach der Geburt in einer bestimmten Familie, sondern nach den Eigenschaften und Fähigkeiten (guṇa und karman) einer Person. Zum Beispiel werden brāhmaṇas hauptsächlich von sattva-guṇa beherrscht und sind sauber, friedfertig, tolerant, gelehrsam, weise, religiös, selbstbeherrscht; kṣatriyas dagegen werden hauptsächlich von rajas beherrscht und ihre wichtigsten Eigenschaften sind Tapferkeit in der Schlacht, Macht, Entschlossenheit, Großzügigkeit, Geschicktheit im Umgang mit Menschen. Jemand, der in einer kṣatriya-Familie Geburt nimmt und śūdra-Eigenschaften besitzt, ist kein kṣatriya. Ähnliches gilt für alle anderen varnas. Kṣtriyas sind Könige, Fürsten, Statthalter, Krieger. Ein Fürst etc., der obige Eigenschaften nur in geringem Maße besitzt, wird sich nicht lange halten können in seinem Amt; ein Besserer wird seine Stelle einnehmen. Vaishyas unterliegen hauptsächlich dem Einfluß von rajas und tamas und śūdras dem Einfluß von tamas. Aufgrund dieses Einflusses streben vaiśyas nach Reichtum und sind angehaftet an Besitz, während śūdras angehaftet sind an Sport, Spiel und Berauschung, und sie sind träge, faul und unintelligent, was spirituelles Leben und Verständnis betrifft.

Die brāhmaṇas1 handeln als Lehrer und Priester und lehren das vedische Wissen und stehen großen yajñas als Priester vor. Sie leiten verschiedene religiöse Zeremonien wie Hochzeiten, Geburtsriten etc., sind für arcana und pūjana (Verehrung der transzendentalen Bildgestalten Gottes in den Tempeln) zuständig und dienen auch als Minister und Ratgeber der Regenten. Aufgrund ihrer Reinheit und Tugendhaftigkeit und ihrer Funktion als Kopf der Gesellschaft sind sie verehrungswürdig.

Als brāhmaṇa zu gelten oder ein brāhmaṇa zu werden, ist keine billige Angelegenheit. Man wird nicht brāhmaṇa, indem man sich dafür ausgibt oder durch Geburt in einer bestimmten Familie. Der Weise Uddalaka bestätigt dies in der Chāndogya Upaniṣad. Eines Tages sprach er zu seinem zwölfjährigen Sohn Shvetaketu: „Mein lieber Sohn, lebe das Leben eines brahmacarin und suche brahman. Denn niemand in unserer Familie, der nicht gelehrt ist (dh. der brahman nicht kennt), sollte ein brāhmaṇa bloß aufgrund von Blutsverwandtschaft genannt werden.” Shvetaketu wurde daraufhin Schüler eines Guru und kehrte im Alter von vierundzwanzig Jahren zu seinem Vater zurück. Er war stolz geworden und hielt sich für gelehrt, woraufhin Uddalaka sein Verständnis von brahman prüfte, das, wie sich herausstellte, der Sohn nicht besaß. Der Sohn eines rechtschaffenen brāhmaṇa ist im allgemeinen ebenfalls mit brahmanischen Eigenschaften ausgestattet, da ein reiner brāhmaṇa, der mit einer Frau aus einer brāhmaṇa-Familie verheiratet ist, aufgrund seiner Reinheit und der seiner Gemahlin einen Sohn mit gleichen Eigenschaften zeugen wird. Doch kann der brāhmaṇa-Status verlorengehen, wenn ein brāhmaṇa sich nicht seinem Stande gemäß verhält, seine vorgeschriebenen Pflichten nicht erfüllt etc.2

In der Manu-Saṃhitā wird eine grobe Stufenleiter der Lebewesen beschrieben. Es heißt dort, daß unter den geschaffenen Lebewesen, diejenigen, die sich fortbewegen können,3 jenen, die sich nicht fortbewegen können (Pflanzen etc.), übergeordnet sind. Unter den sich bewegenden Lebewesen stehen diejenigen, die Intelligenz besitzen, höher. Unter den intelligenten Lebewesen sind die Menschen die besten und unter den Menschen die brāhmaṇas. Aber auch unter den brāhmaṇas gibt es eine Rangfolge.

Von den brāhmaṇas sind diejenigen, die die Veden kennen, die Besten, und unter denjenigen, die die Veden kennen, sind diejenigen, die sich über die Anwendung der Veden bewußt sind, die Besten. Unter diesen wiederum, sind diejenigen am besten, die das Wissen auch tatsächlich anwenden und über denjenigen, die das Wissen der Veden anwenden, stehen diejenigen brāhmaṇas, die brahman verwirklicht haben.

Ein selbstbeherrschter brāhmaṇa, der von den Vedas nur sāvitrī kennt und mit ihm täglich achtsam japa4 praktiziert, ist besser als ein brāhmaṇa, der die Vedas und Vedāngas und Upavedas kennt, aber seine Sinne nicht unter Kontrolle hat. Und ein brāhmaṇa, der weder die Vedas kennt, noch seine Sinne unter Kontrolle hat, ist wie ein Elefant aus Holz. Mit anderen Worten, er ist kein echter brāhmaṇa, genauso wie ein Elefant aus Holz kein echter Elefant ist.

japyena eva tu samsidhyed brāhmano nātra saṃśayah
kuryād anyan na vā kuryān maitro brāhmaṇa ucyate
„Ohne Zweifel erreicht ein brāhmaṇa, der allen Lebewesen ein Freund ist, allein durch japa das höchste Ziel, ob er andere yajñas ausführt oder nicht, und ein solcher wird ein (wahrer) brāhmaṇa genannt.”
(— Manu-saṃhitā 2.87)

Brāhmaṇas haben zwar mehr Privilegien als andere Personen, doch haben sie auch mehr oder schwierigere Pflichten zu erfüllen, von denen sie sich nicht freikaufen können – wenn sie ihre Pflichten nicht erfüllen, verlieren sie ihre Privilegien – und am Ende ihres Lebens müssen sie sich besonderen Härten unterziehen, was von allen anderen nicht erwartet wird.

Der rāja oder nṛpati (König oder Herrscher) ist der oberste kṣatriya. Er gilt als Vater der Bürger und als Repräsentant Gottes auf Erden. Der rāja hat keine leichte Aufgabe zu erfüllen. Er muß dafür zu sorgen, daß alle Bürger seines Reiches (und dazu zählen auch Kühe und alle anderen Tiere) in Frieden leben können und daß die Menschen in den vier varnas und vier āśramas ihre jeweiligen religiösen Pflichten erfüllen, denn nur so kann der Friede in der Gesellschaft gewahrt werden, und nur so wird der spirituelle Fortschritt aller möglich. Um seine Aufgabe erfüllen zu können, sollte er stets danach streben, seine Sinne und seinen Zorn zu beherrschen. Er sollte nicht der Jagd, dem Glückspiel, der Berauschung und der fleischlichen Lust ergeben sein, denn durch diese Laster wird er seinen Reichtum, seinen Ruhm, seine Gesundheit usw. verlieren und durch Zorn wird er sein Leben verlieren. Bevor er sich anschickt, äußere Feinde zu besiegen, sollte er die sechs inneren Feinde5 besiegt haben. Die Kautīlya-arthaśāstra nennt einige Beispiele von ehemals mächtigen Herrschern, die durch einen dieser sechs Feinde untergingen. Duryodhāna und Rāvana zum Beispiel wurden ein Opfer ihres Stolzes, Aila ein Opfer seiner Gier, Kārtavīryārjuna ein Opfer von mada und Vātāpi ein Opfer von harā. Ein König, der nicht fähig ist, sich selbst zu beherrschen, wird weder seine Feinde besiegen, noch seine Untertanen in Gehorsam halten können. Der rāja sollte sich von weisen brāhmaṇas in wichtigen Angelegenheiten beraten lassen, die brāhmaṇas ehren und einen Teil seiner Schätze an arme brāhmaṇas verteilen.

Der ideale rāja hat die sechs inneren Feinde besiegt und seine Sinne unter Kontrolle. Er ist ein rājaṛṣi, ein weiser König oder königlicher Weiser. Ambharīsha, Khatvānga, Rantideva, Janaka, Bharata waren rājaṛṣis, um nur einige Namen zu nennen. Śrī Rāmacandra und Ṛṣabhadeva waren Inkarnationen des Höchsten Herrn in der Rolle von idealen Königen. In verschiedenen vedischen Schriften (Mahābhārata, Rāmāyana etc.) werden vergangene, von rājaṛṣis regierte Königreiche beschrieben und die besonderen Taten der großen Herrscher der Welt erzählt.

Einer der letzten großen rājaṛṣis war Mahārāja Parikshit und davor Mahārāja Yudhishtira, an dessen berühmten rājasūya-yajña6 alle mahāṛṣis (Kashyapa, Vyāsadeva, Markandeya und auch Ātreya Muni und viele andere) und selbst Halbgötter wie Indra teilnahmen. Er regierte die Welt am Ende des dvāpara-yuga vor ca. 5000 Jahren, zu der Zeit, als Śrī Kṛṣṇa auf der Erde erschien, um sie von ihrer dämonischen Last zu befreien und die Frommen zu beschützen. In Mahābhārata, Kautīlya-artha-śāstra und Manu-smṛti gibt es viele Unterweisungen, die die Pflichten, Eigenschaften, Würde etc. der rājas und kṣatriyas betreffen. Sie heben als wichtigste Pflicht des Königs danda, gerechte Bestrafung der Kriminellen, hervor, denn ohne danda könnte niemand im Frieden leben und es würde überall Chaos herrschen. Manu beschreibt in seiner Abhandlung über dharma im Detail die Strafen, die für bestimmte kriminelle Handlungen wie Mord, Diebstahl etc. verhängt und vom König selbst oder von untergebenen kṣatriyas mit Entschlossenheit vollzogen werden sollten.

Ein brāhmaṇa, der Schüler unterrichtet, wird als Guru bezeichnet.7 Ein Guru muß brahmanische Eigenschaften besitzen, sonst ist er nicht befähigt, Schüler zu unterrichten. Ein sogenannter Guru ohne die Qualitäten eines brāhmaṇa ist ein Betrüger und eine Störung in der Gesellschaft.

In der vedischen Zivilisation hatten die Söhne der brāhmaṇas, kṣatriyas und vaiśyas die Pflicht, sich von einem Guru freier Wahl in den Vedas und für ihren jeweiligen Stand notwendigem weltlichen Wissen unterweisen zu lassen, und qualifizierte brāhmaṇas hatten die Pflicht, als Gurus zu handeln. Die Knaben blieben im allgemeinen vom fünften, sechsten Lebensjahr (oder auch später) bis zum heiratsfähigen Alter im āśrama (Haus) ihres Lehrers, manche auch ihr ganzes Leben lang, wenn sie nicht heirateten. Nach dem Fortgang ihres Guru dienten sie dann seinem Sohn oder seiner Witwe oder anderen im Hause verbliebenen Verwandten, wenn diese sich würdig erwiesen. Ein brāhmaṇa, der bis zu seinem eigenen Tod seinem Guru treu gedient hat, ohne das brahmacarya-Gelübde (Zölibat) zu brechen, gelangt ins höchste Reich und wird nicht wieder in dieser Welt geboren, heißt es in der Manu-Saṃhitā. Aber auch für die grhasthas endet die Beziehung zu ihrem Guru nicht mit dem Eintreten in den grhastha-āśrama.

Manu nennt in seinem Gesetzbuch zehn Arten von Personen, die in den Vedas unterrichtet werden dürfen: (1) der Sohn des Lehrers, (2) jemand, der dienen möchte, (3) jemand, der anderen Wissen vermittelt, (4) jemand, der das Gesetz (dharma) erfüllen möchte, (5) jemand, der rein ist, (6) eine durch Heirat oder Freundschaft mit dem Lehrer verbundene Person, (7) jemand, der (mentale) Fähigkeiten besitzt, (8) jemand, der ein reiches Geschenk macht, (9) jemand, der ehrlich ist und (10) ein Verwandter des Lehrers. Diese Personen können unterrichtet werden, wenn sie in respektvoller Haltung Fragen stellen. In ungehorsamen Schülern und auch in anderen Personen, als die oben genannten, sollte der Same des Wissens nicht gesät werden, genauso wie gute Saat nicht auf unfruchtbaren Boden geworfen wird, und Fragen, die in einer herausfordernden, nicht-demütigen Haltung gestellt werden, sollte der Lehrer nicht beantworten. Ungebührliches Fragen und ungebührliches Erklären, wenn man lieber schweigen sollte, rufen beide Feindschaft hervor, heißt es in der Manu-Saṃhitā. Es heißt dort auch, daß ein Lehrer des Veda lieber mit seinem Wissen sterben sollte, als es auf unfruchtbaren Boden zu säen. Heiliges Wissen kam zu einem brāhmaṇa und sprach zu ihm: „Ich bin dein Schatz, bewahre mich, liefere mich nicht an einen Verächter, einen Unwürdigen aus, so werde ich sehr stark werden. Gib mich, als Hüter deines Schatzes, einem reinen, selbstbeherrschten, enthaltsamen und aufmerksamen brāhmaṇa”. Wie wir sehen, ist das vedische Wissen alles andere als eine Sache trockener Gelehrsamkeit, eine Sache für mentale Spekulation; es ist heilig, es ist Gott selbst und beide – der Geber und der Empfänger dieses Wissens – müssen würdig, müssen qualifiziert sein, es zu geben bzw. zu empfangen.

Drei Arten von Wissen können von Gurus gelehrt werden: Wissen für weltliche Angelegenheiten, Vedas (Wissen über Riten, yajñas etc) und brahma-vijñāna (spirituelles Wissen). Dronācārya z.B. lehrte seinem Schüler Arjuna, dem berühmten Sproß der Kuru-Dynastie, die Kriegskunst, dhanurveda genannt. Karna, ein anderer mächtiger Krieger königlicher Herkunft, wurde von Paraśurāma, der Kriegerinkarnation des Herrn, unterwiesen. Beide erlangten sie ihre Fähigkeiten und ihre Macht durch die Gnade ihres Guru.

Ein Schüler kann von mehreren Lehrern in diesen drei Arten von Wissen unterwiesen werden. Von allen zu verehrenden brāhmaṇas gebührt der größte Respekt dem Guru, der einem Mann das spirituelle Wissen (ātma-vijñāna oder brahma-vijñāna) vermittelt und die spirituelle Einweihung (sāvitrī-upanayana)9 vollzogen hat. Während des Einweihungsritus empfängt der Schüler von seinem Guru sāvitrī, der das Bewußtsein läutert und mit dem der Schüler hinfort bis zum Tod täglich morgens und abends japa praktizieren sollte.10 Die Einweihung und brahma-vijñāna befähigen den Schüler, das Ziel des Lebens, die Rückkehr nach Hause zu Gott, zu erreichen, wenn er durch gehorsames Dienen die Segnungen seines Guru empfangen hat. Der Schüler sollte den spirituellen Lehrer als Vater und Mutter und als Repräsentant des Höchsten Herrn betrachten. Er ist das Medium, durch das der Schüler die Absolute Wahrheit erkennen kann. Es kann durchaus vorkommen, daß der Lehrer jünger ist als der Schüler. Dennoch gilt ersterer als Vater von letzterem, denn er ermöglicht durch die religiöse Einweihung die ewige, die spirituelle Geburt.

Der Schüler muß sexuelle Enthaltsamkeit (brahmacarya) praktizieren (deshalb wird er auch brahmacari genannt), bevor er eingeweiht werden kann und solange er nicht in den grhastha-āśrama eingetreten ist. Er darf kein Fleisch essen, nicht an Glücksspielen teilnehmen, keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen und niemanden verletzen.

Außer diesen Regeln, gibt es noch andere, absolut notwendige Einschränkungen, die ein brahmacarin befolgen muß. Kein Mensch kann sich spirituelles Wissen aneignen und spirituellen Fortschritt machen, der seine Sinne nicht unter Kontrolle hat. Erst nach der Einweihung ist der Schüler qualifiziert, die Vedas zu studieren und in der Ausführung von Riten und Opfern unterwiesen zu werden.

Die Einweihung wurde beim brāhmaṇa-Knaben zwischen dem 5ten und 16ten Lebensjahr, beim kṣatriya zwischen dem 6ten und 22sten und beim vaiśya zwischen dem 8ten und 24sten Lebensjahr vollzogen.10 Die sāvitrī-Einweihung gilt als die zweite Geburt, deshalb werden diejenigen, die sie erhalten haben – und das waren in der Regel die meisten brāhmaṇa-, kṣatriya- und vaiśya-Söhne als dvijas (Zweimalgeborene) bezeichnet. Wer die Einweihung nicht innerhalb dieses Zeitraums erhalten hatte, wurde nicht mehr als ārya anerkannt, sondern als vratya (Outcast) betrachtet.

Die vier aśramas (Lebensstadien)

Die vier aśramas im vedischen Gesellschaftssystem sind brahmacari (Schüler), gṛhasta (Haushälter), vānaprastha (Leben in Zurückgezogenheit) und sannyāsa (Leben in völliger Losgelöstheit).

Von den vier Gesellschaftsklassen nahmen die meisten Kinder von brāhmaṇas, kṣatriyas und vaisyas Lehrer an, d.h. sie wurden brahmacaris (Schüler), lebten normalerweise bei ihrem Lehrer und konnten nach Ende der Lehrzeit entweder in den gṛhasta-aśrama eintreten (d.h. sich verheiraten und eine Familie gründen) oder als Asketen leben.

Jedes Mitglied der vier aśramas hatte bestimmte Pflichten zu erfüllen, die in Manu-Saṃhitā und anderen vedischen beschrieben werden. Z.B. nahmen normalerweise Haushälter in den drei oberen varnas (brāhmaṇa, kṣatriya und vaiśya) vānaprastha an, d.h. Männer mit ihren Frauen oder Männer allein ziehen sich, nachdem ihre Kinder erwachsen sind, in den Wald zurück an einen heiligen Ort und praktizieren tapasya (Entsagung), um sich von ihren im Haushälterleben bewußt oder unbewußt ausgeführten Sünden (Vergehen gegen die göttliche Ordnung) zu läutern.

Brāhmaṇas und kṣatriyas konnten nach einigen Jahren der Läuterung in den Lebensstand des sannyāsa eintreten. Das bedeutet, sie verbrachten, im Vertrauen auf den Schutz des Höchsten Herrn, allein – ohne Gemeinschaft mit anderen – den Rest ihres Daseins mit Wanderungen zu heiligen Stätten, hatten keinen festen Wohnsitz etc. und belehrten für spirituelles Wissen empfängliche Haushälter in der Wissenschaft von Gott (bhagavat-dharma). Es gibt vier Arten von sannyāsis, aber darauf wollen wir hier nicht eingehen.


Die Ausführungen dieses Textes zeigen in groben Zügen, wie Menschen im vedischem Gesellschaftssystem durch Ausführung ihrer Pflichten allmählich spirituell erhoben werden und Befreiung erlangen können.

Anmerkungen

1 brāhmaṇa bedeutet, „derjenige, der das brahman (die spirituelle Energie, Realität) kennt”, dh. derjenige, der spirituelles Wissen besitzt

2 Zum Beispiel wenn er das stille Rezitieren des gāyatrī-mantra aufgibt, den alle dvijas morgens vor Sonnenaufgang und abends nach Sonnenuntergang rezitieren. Gāyatrī oder sāvitrī, wie dieser mantra auch genannt wird, empfängt der Schüler bei der spirituellen Einweihung von seinem Guru.

3 oder die Lebensatem besitzen – (bhūtānām prāninah)

4 individuelles stilles Rezitieren der Schriften (Hymnen etc.) oder ständiges Wiederholen von mantras

5 Lust, Zorn, Gier, Neid, Illusion, Verrückheit. Die Kautīlya-artha-śāstra, welche die umfassendsten Instruktionen für rājas liefert, nennt kāma, krodha, lobha, māna, mada und harśa – Lust, Zorn, Gier, Stolz, Verrücktheit und Genußsucht.

6 ein spezielles Opfer, bei dem ein großer Herrscher als Weltherrscher anerkannt wird.

7 Das Sanskritwort guru bedeutet „schwer”. Es bezeichnet aber auch jemanden, der „schwer” ist mit Wissen, der respektabel und bedeutend ist, also einen Lehrer oder spirituellen Meister.

9 auch brahman-Einweihung oder brahmajanman genannt

10 In der Manu-smṛti wird die Einweihung und das Leben eines brahmacārin im āśrama seines Lehrers anschaulich geschildert bis hin zur Beschreibung der Kleidung, der Haartracht etc.


Teilweise Textauszug aus dem Werk Ayurveda-Lehrbuch – Caraka-Saṃhitā-Kompendium.